„Es ist wichtig, an die Toten zu erinnern“

Die Zeitzeugin Irene Butter spricht vor 400 Schülern über ihr Leben in Europa zur Zeit des Nationalsozialismus.

LAUPHEIM   Die hellblauen Augen der zierlichen Frau leuchten. Sie schauen in 800 Augen, die gespannt auf sie gerichtet sind. Graues Haar umschmeichelt das zarte Gesicht. Man sieht Irene Butter kaum hinter dem Rednerpult, wo sie mit einem freundlichen Lächeln steht. Gleich wird die 84-Jährige aus ihrem Leben erzählen. Aus einem Leben, das von den Nationalsozialisten beinahe zerstört wurde. Denn ihre Kindheit und Jugend hat Irene Butter, die als Irene Hasenberg im Jahr 1930 geboren wurde, unter dem Hakenkreuz erlebt und überlebt.

Die Aula des Carl-Laemmle-Gymnasiums ist am Montagvormittag voll besetzt. 400 Neunt- und Zehntklässler der Friedrich-Adler-Realschule und des CLG wollen bei den Schilderungen der Zeitzeugin dabei sein. Mit Laupheim verbunden ist die 84-Jährige, die in Michigan lebt, dadurch, dass ihr Vater, John Hasenberg, auf dem jüdischen Friedhof begraben ist.

Dann beginnt die emeritierte Wirtschaftsprofessorin, ihre Geschichte zu erzählen. „Die Nazis haben schlimme Sachen über uns Juden erzählt“, sagt sie. „Aber auf den Bildern sieht man, dass wir respektable und gute Menschen waren.“ Schwarzweiß-Fotos zeigen sie mit ihren Eltern – Gertrude und John – und ihrem Bruder Werner. Auch ihre Großeltern sind zu sehen, bei denen „ich wunderbare Jahre erlebt habe und die mich sehr verwöhnt haben“.


„Ich kannte Anne ein bisschen“

Der Großvater besaß eine Bank in Berlin, bei der auch der Vater angestellt war. Nach Hitlers Machtergreifung wurde sie geschlossen. John Hasenberg ging nach Amsterdam, um dort eine neue Arbeit zu finden. Als das gelang, kam die Familie nach. „Das war 1937“, berichtet Irene Butter. „Wir blieben zwei Jahre dort.“ Es sei eine schöne Zeit gewesen, in der sie Freunde fand, mit denen sie die Gegend auf Fahrrädern erkundete. „Doch 1940 haben die Nazis das Land besetzt“, erzählt sie. „Wir kamen nach Westerbork, ins erste Camp.“ Ein Durchgangslager, in das später auch Anne Frank gebracht wurde. „Anne war zwar ein Jahr älter als ich, aber ich kannte sie ein bisschen.“

In Westerbork gab es ein Bahngleis in der Mitte, viele Baracken und dreistöckige Betten mit Stroh. Doch das Schlimmste sei etwas anderes gewesen: „Wir hatten immer Angst vor dem Samstag, wenn der Zug kam, der weiter nach Auschwitz fuhr. Es wurden dann immer die Namen vorgelesen von den Leuten, die mit mussten. Der Zug fuhr am Montag weiter. Wir mussten ständig Abschied nehmen, denn immer waren Bekannte dabei, deren Namen auf der Liste standen.“

John Hasenberg besorgte für die Familie ecuadorianische Pässe, die so etwas wie eine Garantie waren, um nicht nach Auschwitz deportiert zu werden. Daraufhin wurden die Hasenbergs für den Austausch angemeldet. Das bedeutet: Die Deutschen versuchten, in Nord- und Südamerika internierte Landsleute nach Hause zu holen, indem sie diese gegen Ausländer eintauschten.

„Irgendwann mussten wir nach Bergen-Belsen“, erinnert sich Irene Butter. „Es hieß, dass dort alles besser werden würde. Was aber natürlich nicht der Fall war.“ Für ihre Eltern und ihren Bruder waren es lange und schwere Arbeitstage, die bis zu zwölf Stunden dauerten. Immer auf der Hut vor möglichen Schlägen, die es oft gab. Zu essen bekamen die Menschen nur ein Minimum. Mal ein Stück Brot, mal etwas Wasser mit Kohl. „Das nannten sie Suppe“, erzählt Irene Butter.

Mit ihren zwölf Jahren musste die kleine Irene zwar nicht so schwer schuften wie die anderen, dennoch hatte sie ihre Aufgaben zu erfüllen. „Ich musste die Baracken sauber machen und auf Kinder aufpassen“, erzählt sie. „Aber ich war auch für das Wäsche waschen verantwortlich. Und das ohne warmes Wasser und ohne Seife.“ Beim Trocknen musste sie neben der Leine sitzen. „Hätte man die Wäsche aus den Augen gelassen, wäre sie gestohlen worden.“

Irene Butter erinnert sich an ein Erlebnis mit Anne Frank, die von Auschwitz nach Bergen-Belsen kam: „Anne fragte mich und andere Mädchen, ob wir ihr Kleider besorgen und über den Stacheldraht werfen könnten, durch den wir getrennt waren. Wir haben welche besorgt und sind nachts zu ihr. Das alles musste in der Dunkelheit passieren, damit uns die Wärter nicht erwischen. Anne hatte ihre Brille aber nicht mehr. Sie hat nicht gesehen, wohin die Kleider gefallen sind. Eine andere Frau hat sie aufgesammelt und ist mit der Kleidung einfach weggelaufen.“

Fast glaubte die Familie an den Austausch nicht mehr. Doch nach einem Jahr war es so weit. „300 Menschen wurden für den Transport ausgesucht“, sagt Irene Butter. „Wir hatten das Glück dazuzugehören, wir wussten natürlich nicht, was wirklich passieren würde.“ Doch der Zug fuhr langsam Richtung Freiheit. Das Glück wehrte jedoch nicht lange, denn die Eltern wurden krank. Der Vater so schwer, dass er starb. In Biberach wurde er aus dem Zug getragen und abgelegt. Der Zug fuhr weiter: Schweiz, Frankreich, Afrika. Im Dezember 1945 stieg Irene allein auf ein Schiff Richtung Amerika. „21 Tage waren wir auf stürmischer See unterwegs“, sagt sie.

„Du musst alles vergessen“

In New York lebt sie bei einem Onkel und einer Tante. Sie sagen: „Du bist jetzt in Amerika. Du musst alles vergessen.“ Sie wollen nichts wissen von dem Leid, das sie erfahren hat. „Bis 1970 haben wir nie über den Holocaust gesprochen.“

Im Sommer 1946 kommen ihre Mutter und ihr Bruder nach. Ein neues Leben beginnt. Während ihres Wirtschaftsstudiums lernt Irene den Mann kennen, den sie später heiratet. Mit ihm zieht sie 1962 nach Michigan, wo beide lehren. Sie bekommen eine Tochter, die mittlerweile mit ihrer Familie in Israel lebt, und einen Sohn. Er ist in Amerika geblieben und wohnt in Kalifornien.

Irgendwann fragt sich Irene Butter: „Habe ich das Recht zu schweigen? Anne Frank ist nicht mehr hier. Ich bin die Zeugin. Es ist wichtig, an die Toten zu erinnern und daran, was damals passiert ist.“ Mittlerweile sind es 27 Jahre, in denen sie an Schulen und anderen Orten über ihr Leben und das Schicksal ihrer Familie spricht.

Initiiert hat den Vortrag Michael Schick von der Gesellschaft für Geschichte und Gedenken. An der Organisation beteiligt waren die Lehrerinnen Anne Kirchhoff und Elisabeth Lincke.

Bild- und Textquelle: Agathe Markiewicz, SZ Laupheim (www.schwäbische.de), 10.03.2014 21:00